Immer Ärger mit dem Ärger

Immer Ärger mit dem Ärger (Starke Gefühle)

 

„Aber wenn ich so wütend bin, dass ich der blöden Kuh an die Gurgel springen könnte! Was hilft mir da dein Rat, loszulassen? Wenn ich das nur höre! Wie soll denn das gehen?“ faucht mich meine Freundin Elfi bei unserem Spaziergang an. Sie hat gerade wieder einen Zusammenstoß mit ihrer Nachbarin hinter sich und ist noch sehr aufgebracht. Diesmal ging es ums Rasenmähen.

Immerhin weiß Elfi, dass sie wütend ist, denke ich mir. Weil das Wahrnehmen von starken und negativ besetzten Gefühlen wie Zorn, Hass, Wut, Enttäuschung oder Frustration ist nicht selbstverständlich. Zum einen gilt wütend zu sein oder zu hassen im Allgemeinen als unerwünschtes Verhalten. Das lernen wir bereits in früher Kindheit. Zum anderen ist es vielleicht verlockend, sich selbst als ruhig, ausgeglichen und positiv zu erleben, weil man dem eigenen oder gesellschaftlichen Idealbild entsprechen will.

Starke Gefühle gehören zu jedem Leben, sie kommen und gehen. Aber manchmal bleiben sie und das kann dann Schaden anrichten: Sie nehmen viel Zeit und Raum in Anspruch, kosten Kraft, blockieren den natürlichen Energiefluss, stören die innere und äußere Harmonie, beeinträchtigen und färben das Denkvermögen, veranlassen zu negativen Handlungen an anderen und sich selbst, führen zu Frustration und machen unglücklich. Und unglücklich sein will ja wirklich niemand, wir alle streben nach Glück. Methoden, mit starken Gefühlen umzugehen, können so einen wesentlichen Beitrag zum Glück liefern.

Die herkömmlichen Strategien, mit starken Gefühlen umzugehen sind vielfältig:

  • Beim Runterschlucken nehmen wir ein Gefühl wahr, geben ihm aber nicht den Raum, den es bräuchte. Weg damit. Schluck. Der Klassiker ist hier, über lange Zeit beständig über Kleinigkeiten und Ärgernisse hinwegzusehen: Der Partner gibt Klobrille nicht runter, die Freundin geht zu wenig sorgsam mit dem Auto um (lässt Reifendruck oder Ölstand nicht kontrollieren), der Müll, der nicht von allein zur Mülltonne wandert oder das Geschirr in der Spüle statt im Spüler.
  • Ähnlich funktioniert das Ignorieren, wo noch weniger Aufmerksamkeit zugelassen wird. Gerade Stress begünstigt solches Verhalten: Keine Zeit und keine Kapazität, sich mit Gefühlen oder Bedürfnissen auseinanderzusetzen wie zum Beispiel mit der Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen.
  • Beim Leugnen spürt man das Gefühl wohl, erlaubt sich aber nicht, es zu haben. Zensur sozusagen. „Ich bin nicht enttäuscht, dass er/sie nicht angerufen hat. Er/sie ist ja ein freier Mensch!“
  • Zähne zusammenbeißen: Manchmal spüren wir das Gefühl klar, wollen aber verhindern, dass jemand es merkt: Bei Kränkung sich nichts anmerken lassen, um nicht ausgelacht oder weiter beschämt zu werden: Jemand macht in einer lustigen Runde eine witzige Bemerkung über meine neue Frisur, alle lachen aber  ich bin verletzt. Um mich nicht noch weiter zu exponieren, mache ich gute Miene zu bösem Spiel und lache mit.
  • Auch Rückzug ist eine Möglichkeit, wenn starke Gefühle überwältigen: Arbeitslosigkeit, der Tod des Partners, oder eine zutiefst enttäuschende Erfahrung von betrogen oder verlassen werden ziehen selbst gewählte Isolation nach sich.
  • Kompensation starker Gefühle mit Arbeit, Sport, Sex oder Essen sind auch weit verbreitet: Viel Essen, weil man mit seinem Leben nicht zufrieden ist oder Essensverweigerung aus Liebeskummer.
  • Nichts mehr tun zu können und festzustecken nennt sich dann depressive Verstimmung oder Depression und ist auch eine Art, damit umzugehen. Nichts ist mehr spürbar außer der Depression und der großen Unfähigkeit, irgendetwas tun zu können.
  • Festhalten von Gefühlen geschieht oft unbewusst. Immer wieder auf Vertrautes, wenn auch Schmerzhaftes zurückzugreifen, ist oft einfacher, als neue Wege zu suchen und zu beschreiten: Familienstreitereien, die sich Jahrzehnte und manchmal generationsübergreifend halten. Man ist wütend, enttäuscht über ein Familienmitglied und hält starr daran fest. Selbst wenn nach ewigen Zeiten nicht mehr klar ist, was der Auslöser dafür gewesen sein mag. Durch das oftmalige Herausholen der negativen Gefühle verfestigt sich die Empfindung und verstärkt sich. Wo früher Wut war ist heute Groll und aus einem leichten Ärgernis ist Hass geworden.
  • Ausleben, ohne Rücksicht auf Verluste: Dem Impuls, auf der Stelle etwas tun zu müssen zu folgen und zu reagieren ist besonders bei Kleinkindern gut beobachtbar: Jeder hat wahrscheinlich schon ein zorniges tobendes Kind an einer Supermarkt Kassa erlebt, dem ein Eis oder eine sonstige Nascherei verwehrt worden ist. Impuls ja, Kontrolle nein. Das ist bei Kleinkindern normal und sollte sich bei angemessener Erziehung im Laufe der Jahre legen. Aber nichts desto trotz bin ich immer wieder Erwachsenen begegnet, die sich ihres „orientalischen“ Temperaments rühmen, das sie als spontan und leidenschaftlich beschreiben. Diskussionen sind schwer mit ihnen zu führen, es mangelt ihnen an Paktfähigkeit, Zuverlässigkeit und Fairness. Manchmal dient es aber einfach nur als Ausrede für Erwachsene, die sich nicht benehmen können und wollen. Aber ist es denn nicht normal und wohltuend, wenn sofort eine Reaktion erfolgt? In der akuten Phase eines Gefühls zu reagieren, kann oft Schaden für den anderen in Form von Kränkung und Verletzung hervorrufen. Worte und Taten im Zorn geäußert und getan sind unwiederbringlich und nicht mehr ungeschehen zu machen. Mit unkontrollierten Ausbrüchen fügt man sich aber vor allem selbst großen Schaden zu. Körperlichen (Blutdruck, Stress) wie geistigen, weil der innere Frieden gestört oder gar zerstört wird. Wenn wir zornig sind, können wir nicht glücklich sein. (Und genau darin liegt wieder die große Chance, weil das umgekehrt genauso funktioniert: Wer glücklich und fröhlich ist, kann nicht gleichzeitig  zornig sein).

Auch Elfi hat einige dieser Strategien verwendet. Mit dem gleichen Ergebnis wie andere: Man sitzt auf dem Gefühl drauf und wird es nicht los: Jede Menge Wut im Bauch, teils runtergeschluckt, teils Zähne zusammengebissen und manchmal geht sie auch auf Rückzug, nämlich dann, wenn sie keine Kraft mehr hat. Ist sie hingegen energiegeladen, kann es auch passieren, dass sie ihre Wut bei der Gartenarbeit und beim Workout im Fitnesscenter herauslässt und wenn sie einmal nicht gut aufgepasst hat, ist es auch schon vorgekommen, dass sie ihren Mann oder ihre Söhne ungerechtfertigt angepfaucht hat. Ich verstehe, dass sie sich über den Begriff „loslassen“ ärgert, weil sie sich darunter nichts vorstellen kann. Bevor es aber an das Befreien oder Loslassen geht noch einmal die vorbereitende  Gedankenabfolge

Ist ein starkes Gefühl erst einmal da, ist der erste und wichtigste Schritt,

  • es zu erkennen. In weiterer Folge geht es an das

 

  • Erforschen und benennen: Was ist es? Wut? Trauer, Enttäuschung, Mutlosigkeit,….? In Elfis Fall ist es Wut, wie sie feststellt und es gelingt ihr mittlerweile auch schon, sich einzugestehen, dass sie manchmal wütend ist oder gar jemanden hasst,

 

  • Bei dir bleiben – es geht um das Gefühl und nicht um den oder die andern.

 

  • Es annehmen, akzeptieren (ok, ich bin jetzt stinkesauer!) und nicht Das ist da schon viel schwieriger, allzu sehr lasten die gesellschaftlichen Vorgaben von gut und böse auf uns.

 

Aber jetzt kommt das große Gefühls-Finale:

Kann man sich tatsächlich so einfach von einem hartnäckigen und kräfteraubenden Gefühl lösen? Und damit am Ende sogar die Ursache für mehr Glück schaffen? Kann Elfi die folgende Methode nachvollziehen, macht sie für sie Sinn? Kann sie sich vorstellen, dass DAS bei ihr funktioniert?

 

  • BEFREIEN/LOSLASSEN:

Lern- und Denkprozesse fallen uns leichter, wenn wir Bilder dazu in unserem Kopf haben, als wenn wir komplizierten Anleitungen in Worten folgen.

  • Gefühl spüren, in die Tiefe gehen, es „auskosten“, jede Facette davon erleben. Das erfordert Mut. Elfi hatte Angst davor, vor Wut zu platzen oder dass sie einfach die Kontrolle über den Zorn verliert und sich nicht mehr beruhigen kann. Aber wenn man sich einen ruhigen Ort sucht und sich die Zeit nimmt, wird man merken, dass sich die Intensität des Gefühls irgendwann einpendelt. Man kann seine Gedanken dazu erforschen, sich die Szenarien nochmals vorstellen. Raum geben und Raum nehmen. Die Dimension erspüren, was gehört noch alles dazu?

 

  • Dem Gefühl eine Gestalt geben. Wie fühlt es sich an, welche Form hat es, habe ich spontan ein Bild vor Augen? Und wenn nicht, dann einfach noch einmal nachspüren. Zum Beispiel: Die Wut fühlt sich an wie ein Feuerball, oder die Traurigkeit ist wie ein schwarzes Loch. Vertraue einfach darauf. Nimm einfach, was kommt. Elfi hatte plötzlich das Bild von spitzen Messern, die sich in ihrem Bauch drehen, vor sich. Was immer für ein Bild kommt, es passt.

 

 

  • Auf Abstand gehen, im Geiste einen Schritt zurück machen und das Gefühl von außen betrachten

 

  • Bewusst entscheiden, ob man sich davon trennen will: Bewusste Entscheidungen, Bekenntnisse, sind kraftvoller, als eingeübte Reaktionsmechanismen. In seltenen Fällen mag es vorkommen, dass es noch zu früh erscheint sich vom Gefühl zu lösen: die Trauer über das verstorbene Haustier braucht noch Zeit oder man muss bei dem Gefühl der Frustration noch weiter in die Tiefe gehen, um Lösungsansätze zu ergründen oder Leidensdruck für Veränderung noch nicht groß genug ist. Auf jeden Fall hat man aber die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen. Will man sich nicht vom Gefühl trennen, dann darf man es behalten, macht ein paar Atemzüge und kehrt wieder zurück. Will man sich aber trennen, dann sucht man eine Vorstellung, wie man sich von dem Gefühl trennt und es transformiert.

 

  • Zum Beispiel die kosmische Mülltonne oder den Müllsack, das Recycling-Center des Universums. Bilder. Klar und deutlich. Und dorthin legt oder schmeißt man das Gefühl dann. Das Universum hat für alles Verwendung. Die Energie derer wir uns gerade entledigt haben kann Basis für Neues und Wunderbares werden.

Eine Möglichkeit ist es auch, dieses Gefühl in einer Atemmeditation in Form von schwarzem Rauch auszuatmen. Dieser schwarze Rauch dringt dann in den Boden/die Erde ein, ohne Schaden anzurichten. Beim Einatmen hingegen hilft die Vorstellung, Licht, Kraft, Inspirationen oder Segnungen einzuatmen.

Das sind nur einige Beispiele von Bildern. Manchmal braucht es auch Zeit, bis man das richtige Wegwerfszenario gefunden hat. Bilder helfen, loszulassen und zu befreien. Nach dem Prozess des Loslassens am Besten entspannen, genießen, Zeit nehmen und wirken lassen. Die Wirkung entfaltet sich nach und nach.

Regelmäßig angewendet verhilft die Methode zu mehr Gelassenheit, Ruhe und Kraft. Die Energie, die starke Gefühle für sich beanspruchen steht nun für konstruktive Prozesse und Entwicklung zur Verfügung.

Elfi will abschließend noch wissen, ob sie ihre Wut auf die Nachbarin auf diese Art für immer vertreiben könne. Es ist durchaus möglich, dass manchmal ein Thema auf diese Art erledigt werden kann. Aber ausgehen sollte am vernünftigerweise nicht davon. Wir haben starke Gewohnheiten, Verhaltens- und Reaktionsmuster. Wir tappen immer wieder in ähnliche Situationen und verstricken uns mit starken negativen Gefühlen darin.  Gefühle kommen und gehen und beim Gehen können wir ihnen behilflich sein.

Es geht nicht darum, auf alle Zeit vor Problemen geschützt zu sein. Shit happens. Es geht darum, dass wir passende Werkzeuge haben, mit diesen Problemen umzugehen und dabei trotzdem unseren inneren Frieden, unser Glück und unsere Freude zu bewahren.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.