Probleme- Eine Gebrauchsanweisung

Silke hat nie Probleme. Zumindest lässt sie sich nie eines anmerken. Nie sieht man sie grummelig oder zerknirscht. Nie tobt sie herum oder ist gestresst. Entweder sie ist eine Heilige, witzeln ihre Freunde, oder sie kann sich verdammt gut verstellen.

Manche Menschen haben von Natur aus ein wunderbares Gemüt, das sie alle Widrigkeiten des Lebens mit einem Schulterzucken hinnehmen lässt. Neben Silke kenne ich da noch ein paar von der Sorte: Geduldige Menschen, die alle Schwierigkeiten ertragen und trotzdem immer freundlich, hilfsbereit und gütig sein. Mein Onkel Herbert war so einer und das Leben hat es ihm nicht leicht gemacht, das könnt ihr mir glauben: Geboren in der Nachkriegszeit, als Kind an Kinderlähmung erkrankt und in weiterer Folge von kaum einem Schicksalsschlag in der Familie verschont geblieben. Tod, schwere Krankheiten, Verluste – die ganze Palette an Problemen. Er aber war immer fröhlich und hat anderen Mut gemacht. War Zuflucht für andere. Er hat das Positive Denken sozusagen erfunden.

Was aber können Menschen machen, die von Natur aus nicht mit so viel Geduld und der Fähigkeit, akzeptieren und loslassen zu können, ausgestattet sind?

Für gewöhnlich kann einen ein Problem gewaltig aushebeln: Ich erinnere mich, wie ich in jungen Jahren aus Unachtsamkeit auf einer Kreuzung am Wiener Gürtel mein erstes Auto zu Schrott gefahren habe. Kein Personenschaden, nur sehr viel Schrott. Der Unfall hat mich fertig gemacht! Tagelang. Wochenlang. Selbst als schon eine Lösung in Sicht war, ich bekam nämlich den alten Wagen meiner Schwägerin, hat mir das Problem den Nerv und die Energie geraubt. Ich hatte mich richtig in das Problem verbissen und konnte nicht mehr loslassen.

Dieser Mechanismus ist mir auch später immer wieder aufgefallen. Probleme lässt man einfach nicht so schnell los. Und schon gar keine unlösbaren. Probleme brauchen Aufmerksamkeit, sie haben Priorität und lassen daneben keinen Platz für Glück, Freude und Leichtigkeit. Alle Kraft fließt in das Lösen oder den Frust, dass es nicht gelöst werden kann. Bis ich auf folgendes gestoßen bin:

Wenn für etwas Abhilfe geschaffen werden kann,

weshalb sollte ich darüber unglücklich sein?

Und wenn für etwas keine Abhilfe geschaffen werden kann,

wozu dient dann mein Unglücklichsein?

Diese großartige   Gebrauchsanweisung für den Umgang mit einem Problem habe ich bei Shantideva, einem buddhistischen Gelehrten aus dem 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung,  gefunden. Im Leitfaden für die Lebensweise eines Bodhisattvas. (Kapitel 6 – Geduld – Vers 10, für alle , die es nachlesen wollen).

Eine einfache Formel:

Problem – gibt es eine Lösung?

                                                  JA: Alles daransetzen, es zu lösen, Kummer nicht notwendig

                                                  NEIN: Vergessen, loslassen, schade um jeden Kummer deswegen.

So einfach und so logisch. Lösbare Probleme brauchen Aufmerksamkeit und Zeit, damit wieder alles ins Lot kommt. Gibt es keine Lösung, darf man sich wieder entspannt zurücklehnen und trotzdem das Leben genießen.

Das ist genau das, was Silke intuitiv immer macht: Sie hat ihren Job verloren. Sie hat alle Energie darauf verwendet, wieder eine Anstellung zu finden. Das ist ihr gelungen, das Problem war zu lösen. Die wenigsten ihrer Freunde aber wissen, dass sie eine schwere chronische Erkrankung hat. Sie hat das akzeptiert, ohne Groll gegen das Schicksal zu entwickeln. Wenn die Krankheit ihren Tribut fordert, nimmt sie es hin, geht ins Krankenhaus und lässt sich behandeln. In den gesunden und guten Phasen verschwendet sie keinen Gedanken daran, was kommen könnte.

Manchmal kann es sein, dass die Lösung eines Problems im Moment noch nicht möglich ist, weil sich vorher noch etwas ändern muss: Wenn das Auto erst dann repariert werden kann, wenn wieder Geld am Konto ist oder die Hüftgelenksoperation erst in 3 Monaten durchgeführt werden kann, weil die Spitäler überlastet sind. Aber die Lösung ist eingeleitet.

Und manchmal kann nur ein kleiner Teil des Problems gelöst werden: Für mich ist zum Beispiel das Leid der Tiere in der Massentierhaltung unerträglich. Ich kann dagegen nur ganz kleine Zeichen setzen: Ich unterstütze den Verein gegen Tierfabriken, lebe vegan und versuche, mit unserem Blog www.veganwerden.info  ,meinen Kochkursen und Vorträgen, andere Menschen zu pflanzlichen Mahlzeiten zu inspirieren.

Lösbares lösen und nicht Lösbares loslassen. Raum schaffen für Freude, Leichtigkeit und neue Ideen. Es zahlt sich aus.

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