Geduld

Geduld

 

Bei meinem ersten Kontakt mit der buddhistischen Lehre vor ca 15 Jahren hat es nicht lange gedauert, bis meine damalige Lehrerin über die Bedeutung und Wichtigkeit von Geduld gesprochen hat: Geduld als eine Tugend, Geduld, die es möglich mache, mit unangenehmen Situationen leichter klarzukommen, Geduld als eine Eigenschaft, die einem dabei helfe, Situationen so zu akzeptieren wie sie sind. Sie erklärte uns auch, dass Geduld sowohl beim Erlernen des Meditierens als auch beim Verstehen der Lehre unerlässlich sei. Oje, habe ich mir gedacht, das wird dann wohl nichts mit mir und dem Buddhismus, weil Geduld überhaupt nicht zu meinen Stärken zählte.

Ich war schon ein ungeduldiges Kind und habe mich schnell geärgert, wenn ich auf etwas warten musste. Oft war es gar kein Ärger sondern Verzweiflung und Resignation, weil etwas unendlich lange gedauert hat, z. B. bis mein Vater mich von der Schule abgeholt hat. Wenn ich eine bestimmte Vorstellung von einem Spiel hatte, dann war ich nicht willens, mit meinen Geschwistern viel darüber zu diskutieren und habe mit ihnen deshalb viel gestritten und regelmäßig gerauft. Häufig habe ich dann einfach alles hingeschmissen und bin davongelaufen. Die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, Frustration und Leiden auszuhalten, war überhaupt nicht mein Ding.

Geduld hat man oder man hat sie nicht. So war zumindest meine Vorstellung davon. Geduld wird nach wie vor verstanden als Charaktereigenschaft oder als angeborenes Talent. Ich habe zwar oft von meinen Eltern oder Lehrerinnen gehört, dass ich geduldiger sein sollte und wie wichtig Geduld sei, aber dass man sie lernen kann, das hat mir als Kind niemand verraten. Im Gegenteil, häufig wurde ich bei meinen Ausbrüchen mit meinem Vater und Großvater verglichen: Mein Vater galt als jähzornig und ungeduldig und ebenso sein Vater. So hat mein Vater als junger Erwachsener von seinem Vater eines Tages wegen einer Kleinigkeit (keine Geduld und viel Jähzorn eben) eine Ohrfeige bekommen. Daraufhin hat mein Vater seine Sachen gepackt und ist fortgegangen. Ja, so richtig weit fort, nämlich in die Schweiz, wo er sich Arbeit gesucht hat. Und genau diesen Jähzorn kombiniert mit mangelnder Geduld hätte ich geerbt; ein Zornpinkerl. Ungeduld und Jähzorn als naturgegebene und nicht abänderbare Bürde.

Niemand in meinem Umfeld ging damals davon aus, dass man Geduld erlernen könne. Aber mittlerweile weiß ich zum Glück, dass das möglich ist. Geduld ist lernbar! Und wie das geht, habe ich im Buddhismus gelernt: Schritt für Schritt zu mehr Geduld und innerem Frieden:

Was kann beim Erlernen von Geduld helfen? Am einfachsten ist es, den Ablauf in 3 Phasen zu unterteilen:

  1. Die Arbeit im Vorfeld: Die eigene Gefühlswelt beobachten und kennen lernen
  • Unterschiedliche Gefühle erkennen und benennen können
  • Ein starkes negatives Gefühl möglichst rasch als solches identifizieren
  • Alarmkette auslösen (siehe „B) Verhalten in der Situation“)

Das Allerwichtigste ist es, rechtzeitig zu erkennen, wenn starke Gefühle von Wut oder Unzufriedenheit aufsteigen. Das bedarf manchmal einiger Übung und einer großen Portion Achtsamkeit im Denken und Tun. Nur wenn man das Gewitter aufziehen spürt, kann man sich rechtzeitig vor Blitz, Donner und Wolkenbruch schützen. Die Wut ist ein starkes Gefühl und will – wie alle anderen Gefühle – akzeptiert werden.

 

  1. Das Verhalten in der Situation
  • Nicht sofort reagieren. Schnelle Reaktionen aus Wut oder Verzweiflung können einem selbst und anderen großen Schaden zufügen. Das gelingt, wenn man zum Beispiel bis 10 zählt, oder sich für 5 Atemzüge lang auf den Atem konzentriert – einatmen, ausatmen….
  • Nicht bewerten: „Ich bin wütend!“ Das ist weder gut noch schlecht und ebenso wenig sollte es bewertet werden. Gefühle dürfen sein. Das ist ok.
  • Nicht unterdrücken: Gefühle leugnen und unterdrücken richtet langfristig Schaden an, weil man nicht ehrlich mit sich ist. Ein starkes negatives Gefühl zu erkennen heißt nicht, es ausleben zu müssen. „Wenn ich wütend bin, weiß ich, dass ich wütend bin.“
  • Loslassen: Wir haben eine starke Neigung, all unsere Gefühle festhalten und konservieren zu wollen; interessanterweise nicht nur die wunderbaren und glücksverheißenden sondern ebenso Trauer, Hass und Wut. Wir benutzen sie, um immer wieder darauf zurückzugreifen und uns an ihrer Energie zu bedienen. So entstehen noch tiefere Trauer oder aber auch unerbittlicher Groll. Wenn wir die Wut durch uns hindurchziehen lassen – das Gefühl befreienkann sie den geringsten Schaden anrichten. Unterstützend dabei ist es, sich kurz auf das Atmen zu konzentrieren: Bewusstes Ein-und Ausatmen. Eine „Mini-Atem-Meditation“ von ca 10 Atemzügen reicht oft schon aus. „Ich lasse (die Wut) los“.
  • Nicht mit dem Gefühl identifizieren: Gefühle kommen und gehen; sie sind nicht Teil der Personen. Ein wütender Mensch hat ein starkes Gefühl, ist deshalb aber nicht mit einem Makel behaftet oder „schlecht“.
  • Hinnehmen, Akzeptanz. Den Widerstand gegen die Situation aufgeben. „Es ist wie es ist“ kann dabei ein hilfreiches Mantra sein: „OK! Ich stehe im Stau und werde meine Verabredung nicht einhalten können. Ich habe mein Möglichstes versucht nun lasse ich los und lasse meine Wut ziehen.“ „ Der Campingurlaub ist verregnet und wenn ich weiterhin so herumjammere und übellaunig bin, schade ich nur mir selbst. Ich akzeptiere es.“ Vielleicht fallen einem Vorbilder ein, die in schwierigen Situationen freundlich und geduldig bleiben können. Es lohnt sich wirklich, dranzubleiben und das eigene Geschick im Umgang mit Wut zu verbessern. Unbedachte Worte und Handlungen können so viel zerstören und so viel Schmerz verursachen. Ich hatte einmal einen Hund – eine Seele von einem Hund, geduldig, aufmerksam, friedfertig. Doch wann immer sich ein starkes negatives Gefühl wie Wut oder Angst in mir ausgebreitet hat, begann der Hund am ganzen Körper zu zittern. Das hat mir so leid getan! Dabei hatte ich mein Gefühl zu dem Zeitpunkt noch gar nicht zum Ausdruck gebracht: Kein Schreien, Weinen, Toben – nichts. Und trotzdem zog ich ein unschuldiges Wesen hinein.

 

  1. Die Ruhe nach dem Sturm:

Durchatmen, Gedanken ordnen und wieder Kraft tanken. Wann immer etwas gut gelungen ist, darf und soll man es feiern. Wenn wir die Wut rechtzeitig bemerkt und nicht sofort mit Worten und Taten darauf reagiert haben, so ist das ein Grund zur Freude. So ein Erfolg wird den nächsten nach sich ziehen. In dieser Phase kann man genießen und sich wieder entspannen. Wieder Frau und Herr der Sinne fällt es auch viel leichter, an geeigneten Lösungen für das Problem zu arbeiten.

Es ist am Anfang gar nicht notwendig, alle Punkte zu beachten. Oft wird das vielleicht auch gar nicht möglich sein und meist reicht es, eine einzige Empfehlung umzusetzen. Nach und nach können die Tipps geübt und integriert werden.

Ich bin sehr dankbar, dass ich Methoden gefunden habe, meine Geduld zu trainieren und mein Umfeld möglichst von Schäden durch meine Wut frei zu halten. Es gelingt nicht immer, aber ich lasse mich im Üben nicht beirren. Gelegenheiten bieten sich genug: Supermarktkassen, Staus, mein langsames Handy, das ewig zum Laden einer Seite braucht, der Wasserkocher, der wie verrückt tropft, wenn ich beim Ausgießen zu schnell bin oder einfach nur die Erwartungen, die ich an mich stelle. Mal gelingt es ganz gut, dann wieder überhaupt nicht. Aber es tut sehr gut, mit Frust und Enttäuschung, Leiden und Schaden ein wenig gelassener umgehen zu können.

Einer der Vorteile, geduldig zu sein ist es, dass Worte und Handlungen nicht ungebremst in die Welt gehen. So sind geduldige Menschen gern gesehen und ihre Anwesenheit und Nähe werden geschätzt.

Sind wir geduldiger, so können uns die anderen besser leiden. Und mit etwas Glück können wir uns auch selbst bald besser leiden.

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